Es ist eine provokante Frage, aber hinter ihr verbergen sich mehrere Unterfragen, die für viele WordPress-Nutzer von großem Interesse sind: Wie schaut es mit der Verbreitung von WordPress aus, und lohnt es sich überhaupt noch, als Nutzer oder Entwickler auf WordPress zu setzen?  Hat WordPress seinen Zenit schon überschritten?

Um Antworten auf diesen Fragenkomplex zu bekommen, werden wir uns die aktuelle Situation auf dem CMS- und auf dem Stellenmarkt anschauen. Weiterhin werfen wir auch einen Blick auf die Stellenangebote und auf die Stimmen aus der Entwickler-Community. 

Die momentane Marktsituation von WordPress 

Wenn man mehr über die Verbreitung von WordPress herausfinden möchte, lohnt es sich immer, sich die Website W3Tech vorzunehmen. Diese Website berücksichtigt die zehn Millionen Websites mit dem meisten Besucheraufkommen und zeigt die Verbreitung von verschiedenen Redaktionssystemen, Techniken und Programmiersprachen. Schaut man sich die Daten über eingesetzte Redaktionssysteme an, bekommt man folgendes Bild zu sehen: 

Verbreitung und Marktanteil von WordPress: WordPress wird auf 42,8 Prozent aller Websites eingesetzt und beherrscht damit den CMS-Markt mit 65,1 Prozent.

Was sagt diese Grafik aus? Der graue Balken berücksichtigt auch die Websites, die auf keinem CMS basieren. Demnach werden 34,3 Prozent aller Websites ohne ein CMS bzw. Redaktionssystem betrieben. WordPress läuft auf 42,8 Prozent aller Websites, und Joomla und Drupal kommen demnach auf 1,8 und 1,4 Prozent aller Websites zum Einsatz. 

Rechnet man die Websites ohne CMS aus der Statistik heraus, dann gelten die Werte hinter dem grünen Balken. Demnach beherrscht WordPress den CMS-Markt mit 65,1 Prozent. Die anderen Konkurrenten liegen abgeschlagen zurück. Joomla hat nur einen Marktanteil von 2,8 und Drupal 2,1 Prozent. 

Wenn man sich darüber hinaus noch in Erinnerung ruft, dass WordPress schon seit vielen Jahren die erste Position innehat, dann werden die Zahlen noch erdrückender: 

Die Verbreitung statischer Websites und Websites mit verschiedenen CMS seit Januar 2011.

Die Werte dieser Grafik findet man in der Jahresansicht der Nutzungstrends. Hier sieht man hervorragend, dass WordPress nicht nur schon sehr lange die Nummer eins ist (die Übersicht reicht leider lediglich bis Januar 2011 zurück), sondern auch, dass WordPress kontinuierlich wächst. Alle möglichen Konkurrenten liegen nicht nur weit zurück, sie können auch nicht die entsprechenden Steigerungsraten vorweisen. Vom 1. Januar bis zum 7. November dieses Jahres hat WordPress seinen Anteil um 3,3 Prozentpunkte erhöht. Shopify dagegen konnte für seine Verhältnisse zwar kräftig zulegen, aber das war in absoluten Zahlen nur ein Prozentpunkt. 

Was sagen die Jobbörsen? 

Wenn für die Beantwortung der Frage, ob WordPress auf dem absteigenden Ast ist, nur der Blick auf die Marktsituation notwendig wäre, dann wären wir schon fertig. WordPress dominiert den CMS-Markt, hat stärkere Steigerungsraten als die Konkurrenz, und ein Ende ist nicht abzusehen. 

Aber wie sieht die Situation auf dem Stellenmarkt aus? Um das herauszufinden, schauen wir uns die großen Jobbörsen an und suchen dort nach WordPress-relevanten Stellen: 

  • Für die Region D-A-CH führt LinkedIn 13.736 Ergebnisse auf. 
  • Für ganz Deutschland findet Indeed 3.952 Treffer. 
  • Bei Stepstone kann man die Suche nicht auf ganz Deutschland erweitern, aber wenn man die Regionen zusammenzählt, kommen wir auch hier auf mehrere hundert Jobs. 

Bei den Zahlen sollte man auch berücksichtigen, dass es sich entweder um Jobs im Angestelltenverhältnis oder um Berufspraktika handelt. Die ganzen Freelancer-Jobs werden auf anderen Kanälen abgewickelt: Entweder die Auftraggeber kontaktieren die Entwickler und Agenturen direkt, oder die Aufträge werden auf diversen Freelancing-Portalen vergeben. 

Die reine Anzahl an offenen Stellen ist nicht schlecht. Ich beobachte dieses Feld schon seit ein paar Monaten und kann bestätigen, dass die Zahlen leicht gestiegen sind. Vor etwas mehr als einem Monat hat LinkedIn zum Beispiel etwa 4.000 offene Stellen weniger für die Region D-A-CH gelistet, und bei Indeed hat sich im gleichen Zeitraum die Zahl der offenen WordPress-Stellen um etwa 250 erhöht. 

Verdienstmöglichkeiten mit WordPress 

Da wir jetzt geklärt haben, dass die Marktsituation für WordPress hervorragend ausfällt und dass auch die Anzahl an offenen Stellen gut ausschaut, wird es Zeit, uns den Verdienstmöglichkeiten zu widmen. 

Den eigenen Stundensatz kann jeder Selbstständige bzw. Freelancer selber bestimmen, aber aus eigener Erfahrung und Gesprächen mit Kollegen weiß ich, dass ein Stundensatz von 70 oder 75 Euro keine Seltenheit ist. Je erfahrener man ist und je mehr Spezialwissen man besitzt, umso höhere Stundensätze kann man verlangen oder besser gesagt abrufen. Wer sich am Anfang seiner WordPress-Karriere befindet, der wird zwar auch versuchen, diesen Stundensatz  zu verlangen, es ist aber äußerst fraglich, ob die Kunden da mitgehen. 

Da in Deutschland die wenigsten Firmen bei den Stellenausschreibungen die Verdienstspanne preisgeben, muss man sich auf die groben Schätzungen der Jobportale und die konkreten Verdienstangaben der ganz wenigen Ausnahmen verlassen. Bei den Stellen, wo es Zahlen gab, lag die Spanne der Verdienstangaben zwischen 36.000 bis 60.000 Euro Jahresgehalt. Wobei angemerkt werden sollte, dass viele der Anzeigen mit höheren Gehaltsangaben eine abgeschlossene Fachinformatiker-Ausbildung oder ein Informatik-Studium voraussetzen. Bei anderen, niedriger bezahlten Stellenausschreibungen sind auch Quereinsteiger willkommen. 

Was sagen die Umfragen unter den Entwicklern? 

Bei den ersten beiden Aspekten – der Marktsituation und der Anzahl an offenen Stellen – scheint die Lage für WordPress ausgezeichnet zu sein. Auch bei den Verdienstmöglichkeiten kann man das Gesamtbild als eher positiv bezeichnen. Jetzt stellt sich allerdings die Frage, wie die Entwickler über WordPress denken.  

Obwohl die Entwickler eine eher kleine Nutzergruppe darstellen, ist deren Meinung dennoch wichtig. Sie bringen durch ihren Einsatz das CMS voran. Sicherlich, einen großen Beitrag in der Weiterentwicklung von WordPress leisten die Leute, die bei der Firma Automattic angestellt sind. 

Automattic wurde im Jahr 2005 von Matt Mullenweg gegründet. Matt ist einer der Initiatoren, die 2003 WordPress ins Leben gerufen haben. Diese Firma hat weltweit knapp 1.800 Mitarbeiter und leistet vieles an Arbeit, welche WordPress und den verwandten Produkten wie etwa BuddyPress, bbPress und WooCommerce zugutekommt. 

Da WordPress aber open source ist, leisten auch viele Unabhängige oder Entwickler aus anderen Firmen ihren Beitrag für WordPress. Zudem sind die Entwickler wichtige Multiplikatoren und das aus verschiedenen Gründen. Sie setzen die CMS-Lösung bei  Kunden ein, bloggen und berichten auf anderen Wegen über die Thematik und sind häufig im Web gut vernetzt. Deswegen haben sie eine vielfach größere Reichweite als „normale“ Nutzer. Es lohnt sich also immer, auch auf die Meinung dieser Gruppe zu schauen. 

Stack Overflow ist eine wichtige Anlaufstelle für alle Menschen, die sich mit Programmierung oder Webentwicklung beschäftigen. Dieses Portal führt jedes Jahr Umfragen durch, bei der Umfrage von 2020 resultierte die Frage nach Plattformen/Technologien, die man mag und mit denen man gerne weiter arbeiten möchte, in folgendem Ergebnis: 

Ergebnis der Umfrage bei der Frage nach Technologien, die gemocht werden.

WordPress hat hier, weit abgeschlagen, einen unrühmlichen 16. Platz ergattert. Noch eindeutiger wird das Votum, wenn es um die Frage „Most dreaded“ (deutsch: am meisten gefürchtet) geht, also um Technologien, mit denen man schon zu tun hatte, aber an denen man kein weiteres Interesse hat. Hier erreicht WordPress einen wenig schmeichelhaften ersten Platz: 

Vor welcher Plattform/Technologie fürchtest du dich?

Komplettiert wird das dann durch die Antworten auf die Frage „Welche Technologie würdest du gerne lernen?“: 

WordPress ist unter den Entwicklern alles andere als erwünscht.

Auch hier kann WordPress nicht überzeugen. Nur magere 2,6 Prozent der Menschen, die an der Umfrage teilnahmen, wünschen sich WordPress zu lernen. 

WordPress, der Marktführer mit einem Image-ProblemFazit

Die Antwort auf die Frage, ob WordPress den Zenit überschritten hat, kann nicht abschließend beantwortet werden. Klar, die Zahlen zu den offenen Stellen und über die Marktsituation sind mehr als eindeutig. Aber schon bei den Verdienstmöglichkeiten sind die ersten Risse zu erkennen. Viele anständig bezahlten Stellen sind nur für ausgebildete oder studierte Informatiker vorgesehen. Hinzu kommt, dass neben WordPress vielfach noch weitere vertiefte Kenntnisse verlangt werden: PHP, JavaScript und Frameworks, Datenbanken etc. Es werden also Profi-Entwickler gewünscht, aber die möchten sich meist nicht mit WordPress beschäftigen. 

Die Ergebnisse der Umfrage auf Stack Overflow können, ohne alarmistisch zu klingen, als verheerend bezeichnet werden. In allen drei Kategorien – geliebt, gehasst, erwünscht – erreicht WordPress ein schlechtes Ergebnis. Natürlich könnte man jetzt mit „ist doch nur eine Umfrage“ argumentieren, aber Stack Overflow ist die Anlaufstelle für Entwickler, und zudem haben an der Umfrage 65.000 Menschen teilgenommen. 

Aber das ist nicht das einzige Problem. Ich selbst arbeite seit 2004 mit WordPress, kann somit auch auf den einen oder anderen Erfahrungswert zurückgreifen, und durch die Teilnahme an unzähligen Barcamps, Stammtischen und Meetups konnte ich mich mit vielen Menschen unterhalten, die mit WordPress arbeiten. Daher weiß ich, dass WordPress vielfach nicht ernst genommen wird. 

Da WordPress kostenlos und open source ist, gibt es häufiger die Meinung, dass auch die WordPress-Dienstleistungen nicht viel kosten dürfen. Daher wird nicht selten erwartet, dass eine stark angepasste Website mit einem individuellen Theme für einen mittleren dreistelligen Betrag oder ein mittelgroßer, mehrsprachiger Shop (WooCommerce) mit individuellem Theme für unter 1.500 Euro zu haben sei. 

Es wird zudem häufig fälschlicherweise angenommen, dass WordPress ganz einfach zu erlernen ist. Im Extremen sieht man dies in manchen Foren und Facebook-Gruppen. Dort ist es schon mehrfach vorgekommen, dass Leute, die gerade mal seit wenigen Wochen mit WordPress arbeiten und auch sonst wenig bis kaum Erfahrung mit Redaktionssystemen und Webentwicklung haben, irgendwie an einen Kundenauftrag gekommen sind und dann in den Gruppen und Foren um kostenlose Hilfe bitten, weil sie bereits an vergleichsweise einfachen Aufgaben scheitern. 

Nicht, dass wir uns missverstehen. Ich habe in keiner Weise etwas gegen Quereinsteiger, ganz im Gegenteil, aber auch ein Quereinstieg bedarf gründlicher Vorbereitung. 

Ein weiterer Irrtum ist, dass auch bestimmte Kunden denken, dass WordPress keiner Wartung und Betreuung bedarf. Diese Menschen erleben dann früher oder später eine unangenehme Überraschung, bei der sie feststellen, dass die Website gekapert wurde. In anderen Fällen führen unbedachte Updates, gemischt mit dem Einsatz völlig veralteter Komponenten zum Komplett-Crash der Website. Nicht selten gibt es Fälle, bei denen man dann als Dienstleister so eine gehackte Website bereinigt oder eine gecrashte Seite mühsam wieder aufbaut, aber der Kunde hinterher dennoch der Meinung ist, dass ein Wartungsauftrag nicht notwendig sei. 

Diese jetzt zuletzt genannten Probleme und Ärgernisse sind einzeln genommen nicht tragisch, aber in der Summe wirft das ein komisches Schlaglicht auf WordPress. Daher ist es natürlich nicht verwunderlich, dass WordPress einerseits stark verbreitet ist, aber andererseits bei vielen Dienstleistern und Programmierern bisweilen auch zu Frust führt. 

Wie wird die Community auf das Konzept des Full-Site-Editing reagieren? 

Die momentanen Kennzahlen zur Marktdominanz und der Anzahl der offenen Stellen könnte so interpretiert werden, dass nichts in der Lage wäre, WordPress vom Thron zu stoßen. Aber das könnte sich unter Umständen als Trugschluss erweisen.  

Die Einführung von Gutenberg vor etwa drei Jahren hat tiefe Risse in der Community hinterlassen. Selbst Menschen, die dem Block-Editor offen gegenüber waren, wurden zunehmend genervter über die teilweise sprunghafte und schleppende Entwicklung. Man liegt nicht falsch, wenn man überzeugt ist, dass der Block-Editor viel zu früh eingeführt wurde. 

Mit der Version 5.9 steht ein weiterer Einschnitt bevor. Es wird das Konzept des sog. Full-Site-Editing eingeführt. Diese Änderung bringt eine neue Vorgehensweise an den Aufbau der Themes, und es bleibt einerseits abzuwarten, wie es bei den Nutzern, bei den Entwicklern, Freelancern und Agenturen aufgenommen wird, und andererseits, wie Leute hinter WordPress auf die Kritik eingehen werden. Deswegen sind meiner Einschätzung nach die nächsten 12 bis 15 Monate sehr wichtig für die Zukunft von WordPress. 

WordPress muss aufpassen, es wäre schließlich nicht die erste Plattform bzw. Technik, die trotz führender Position irgendwann in Vergessenheit gerät. Sowohl Netscape Navigator, Internet Explorer oder Firefox waren mal führende Browser. Es gab auch Zeiten, da waren Flash-Entwickler gefragte Leute und konnten hervorragende Stundensätze abrufen, und ebenfalls gab es Zeiten, in denen man sich das Web ohne den Instant Manager ICQ nicht vorstellen konnte. 

 

 

Vladimir Simović

One thought on “Hat WordPress seinen Zenit überschritten? Was sagen Entwickler?

  1. Hi Vladimir!

    Danke für diese sehr gute Analyse der aktuellen Situation. Ich sehe der Zukunft von WordPress mit gemischten Gefühlen entgegen. Bei Block Editor und Full-Site-Editing hätte ich mir gewünscht, dass beides im Standard optional ist und die klassischen/herkömmlichen Technologien weiterentwickelt werden. Für mich als Entwickler von WordPress-Websites geht die Entwicklung einfach zu schnell und es kostet wahnsinnig viel Zeit, Schritt zu halten und auf dem aktuellen Stand zu sein. Projekt von vor ein paar Jahren basieren noch auf dem Classic Editor und beim nächsten Projekt muss ich eigentlich schon über Full-Site-Editing nachdenken. Und was kommt als nächstes? Und wie schnell? Ich hatte in den letzten Jahren Projekte, da waren bei Fertigstellung Komponenten teilweise schon wieder veraltet (WP Core, Plugins, Bootstrap etc.). Dieses Tempo und die fehlende Planbarkeit sind etwas frustrierend und führen nicht gerade dazu, dass ich unbedingt die nächsten 20 Jahre noch mit WordPress arbeiten möchte.

    Grüße,
    Matze

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