Entscheidungshilfe für den Betrieb unternehmenskritischer Internetanwendungen
Wer die Wahl hat, hat die Qual! Komplexe Internetanwendungen
lassen sich entweder autonom im eigenen Rechenzentrum betreiben,
in Eigenregie bei einem Co-Location-Anbieter oder seit neuestem
auch als Managed Hosting-Lösung. Der nachfolgende Beitrag zeigt
die Grenzen sowie Vor- und Nachteile der einzelnen Lösungen auf.
Der Betreiber hat hierbei alle Freiheiten, aber auch die gesamte Verantwortung für den reibungslosen Betrieb. Er allein bestimmt die Rahmenbedingungen und kann seine Lösung nach Bedarf beliebig gestalten und erweitern. Allerdings muss sich die IT-Abteilung stets mit zahlreichen anderen Abteilungen abstimmen, z.B. mit der Gebäudeverwaltung, wenn bauliche Anpassungen notwendig sind.
Vorteile:
Nachteile:
Co-Location bezeichnet die Unterbringung und Netzanbindung der eigenen Hardware im Rechenzentrum eines Dienstleisters.
Vorteile:
Nachteile:
Managed Hosting bezeichnet das Mieten von dedizierten Servern oder ganzen Infrastrukturlösungen inklusive Serviceleistungen von einem Dienstleister.
Vorteile:
Nachteile:
Internetanwendungen sind so vielfältig wie die Unternehmen und Menschen, die sie betreiben. Beide Faktoren zusammengenommen – Technik und Mensch – ergeben eine komplexe Matrix. Dennoch gibt es eine Reihe von Kriterien, die bei der Wahl der richtigen Lösung in jedem Fall berücksichtigt werden sollten:
4.1 Verfügbarkeit
Natürlich sollte eine Webapplikation bzw. Internetanwendung möglichst
rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr erreichbar sein. Dies ist technisch
auch möglich, hat jedoch auch seinen Preis. Und dieser Preis steigt fast
schon exponentiell mit jeder Kommastelle der prozentualen Verfügbarkeit
an. Dies trifft nicht nur auf die Kosten bei einem Dienstleister zu,
sondern auch für die Kostenstruktur im Eigenbetrieb.
Entsprechend sollte jeder Betreiber vor der Realisierung seiner Lösung
festlegen, welche potentielle Ausfallzeit für ihn und sein Unternehmen
noch „akzeptabel“ ist. Denn zur Umsatzeinbuße kommt in jedem Fall noch
ein –schwer bezifferbarer –Vertrauensverlust. Für Betreiber einer
weniger stark frequentierten Webseite, die überdies noch eine geschlossene
Benutzergruppe bedient (z.B. ein Wissensportal für Vertriebspartner eines
regional agierenden Herstellers), mag der Ausfall einer Anwendung für
einen ganzen Tag gegebenenfalls noch vertretbar sein. Für international
renommierte und technisch ausgerichtete Marken mit hohen Besucherzahlen
wäre die gleiche Nichterreichbarkeit ihrer Internetseite mit einem
beträchtlichen Imageschaden verbunden.
| Verfügbarkeit in Prozent | Ausfallzeit pro Jahr in Minuten |
| 99,0 | 5256,0 |
| 99,9 | 525,6 |
| 99,99 | 52,6 |
| 99,999 | 5,3 |
Siehe hierzu auch das Whitepaper „Verfügbarkeit von Webapplikationen“
4.2 Infrastruktur
Wer seine Internetanwendung im eigenen Gebäude betreiben möchte,
benötigt zuallererst auch eine ausreichende Anbindung an das Internet.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese stets anhand der zu erwarteten
Lastspitzen dimensioniert werden muss. Sollten die verfügbaren Standleitungen
nicht ausreichen, so empfiehlt sich unter Umständen eine eigene Anbindung
über Glasfaser an das Internet. Das ermöglicht zwar hohe Bandbreiten über
große Entfernungen, ist jedoch sehr kostspielig und keinesfalls kurzfristig
realisierbar. Neben der Gebühr für die ausreichend dimensionierte Standleitung
addieren sich hier noch die Volumengebühren. Im Einzelfall kann die Summe
dieser Kosten bereits die finanziellen Aufwendungen für das Unterstellen der
eigenen Server bei einem Hoster übersteigen.
Ein Rechenzentrum zeichnet sich gegenüber einem „Serverraum“ durch eine
Reihe von wichtigen Infrastrukturkomponenten aus. Von zentraler Bedeutung
ist dabei sicherlich die Klimaanlage. Diese muss einerseits ausreichend
dimensioniert sein, um auch im Hochsommer dauerhaft für ausreichende Kühlung
zu sorgen. Andererseits kann der Einsatz veralteter oder überdimensionierter
Klimatechnik enorme laufende Stromkosten verursachen. Darüber hinaus zeichnen
sich moderne Rechenzentren durch moderne USV-Anlagen, Diesel-Notstromgeneratoren,
Rauchmelder und Argon-Löschsysteme, Kameraüberwachung und Zugangskontrollen
aus. Um Ausfallzeiten weitestgehend zu vermeiden, sind möglichst alle
Komponenten redundant vorzuhalten. Dazu gehört nicht nur die Internet-Anbindung,
sondern auch Serverhardware, Netzteile, Klima- und USV-Anlage.
4.3 Technische Kompetenz
„Klasse und Masse“ lautet hier die Devise für alle, die ihre unternehmenskritische
Anwendung selbst oder gar im eigenen Rechenzentrum betreiben wollen. Dabei ist
zu berücksichtigen, dass neben dem 24/7-Betrieb auch Urlaubs- und Krankheitszeiten
gestemmt werden müssen. Und dass möglichst auch die technischen Kompetenzen der
einzelnen Mitarbeiter für Hardware, Betriebssystem, Middleware und Applikation
redundant vorgehalten werden muss. Wer seine Anwendung selbst betreiben möchte,
muss auch entsprechend in die Schulung der entsprechenden Mitarbeiter investieren.
Eine Auslagerung des Servermanagements an einen Dienstleister verspricht
hier nicht nur eine Senkung der Personalkosten, sondern vor allem die
Entledigung von Verantwortung. Doch auch hier steckt der Teufel im
Detail: Bei der Co-Location übernimmt der Dienstleister lediglich
die Überwachung der Basis-Infrastruktur (Schrank, Strom, Netzwerk).
Beim Managed Hosting garantiert der Dienstleister die Verfügbarkeit
von Infrastruktur, Server-Hardware und Betriebssystem. Einzig für die
Funktion der Applikation selbst ist in jedem Fall der Betreiber selbst
zuständig. Damit im Störfall die Ausfallzeit so gering wie möglich
gehalten werden kann, sollte bei der Auswahl eines Dienstleisters
die Frage nach Prozessen, Eskalationsplänen, Ausfallszenarien und
klar definierten Schnittstellen zwischen Kunde und Dienstleister eine
angemessen große Rolle spielen.
4.4 Prozesse und Garantien
Der Betrieb eines kompletten Rechenzentrums ist überaus vielschichtig
und erfordert – insbesondere im Störungsfall – genau definierte Verantwortlichkeiten
und Prozesse. Zudem hängt das Funktionieren von IT-Infrastrukturen sehr
stark von der Qualität der Dienstleistungen ab, mit der eine IT-Umgebung
überwacht, gepflegt und bei Bedarf angepasst wird. Deshalb arbeiten
immer mehr Rechenzentren zur Sicherung ihrer Qualität nach den klar
definierten Prozessen der IT Infrastructure Library (ITIL). Dieses
Standardwerk definiert und beschreibt die Einzelschritte eines
erfolgreichen IT-Service-Managements. Darüber hinaus erleichtern
unabhängige Prüfungen die Wahl des geeigneten Rechenzentrums. Neben
der Zertifizierung nach ISO 20000 dokumentiert auch das Datacenter
Star Audit des eco, Verband der deutschen Internetwirtschaft e. V.
die Professionalität eines Rechenzentrums. Denn hier werden neben
Gebäude und Technik auch Prozesse und Personal des Anbieters bewertet.
Professionelle Rechenzentren bieten ihren Kunden Service Level Agreements
(SLA) mit detaillierten Beschreibungen der garantierten Leistungen. Dies
macht eine komplexe Dienstleistung nicht nur verständlich und transparent,
sondern regelt auch klar die Zuständigkeiten. Betreiber von Portalen oder
Software-as-a-Service, deren Leistungen vom Funktionieren der IT-Infrastruktur
unmittelbar abhängt, können sich ihren Kunden gegenüber auf die
Garantieleistungen des SLA beziehen –und im Streitfall auch vor
Gericht einklagen.
4.5 Gesamtkosten
Durch ihre Spezialisierung können die professionellen Betreiber von
Rechenzentren beachtliche Skaleneffekte erzielen. Das fängt beim Bau
eines energieeffizienten Rechenzentrums an und geht über die intensivere
Nutzung der Internetanbindung bis hin zum Großeinkauf von Hard- und
Software. Überdies verteilen sich die Aufwendungen für das hochqualifizierte
und -spezialisierte technische Personal – man denke nur an Schulungs-
und Bereitschaftskosten – bei einem Hoster auf mehrere Kunden. Und auch
wenn die Dienstleister naturgemäß ihre Kosteneinsparungen nur teilweise
an ihre Kunden weiterreichen, so ist in Summe die Auslagerung einer
Internetapplikation in der Regel die kostengünstigere Variante.
Vorausgesetzt, der Betreiber einer Anwendung ist willens, bei einem
Vergleich auch alle mit dem Betrieb verbundenen Kosten in die Gesamtrechnung
mit einzubeziehen. Mitunter verstellen jedoch Konzern- und/oder
Controllingstrukturen bewusst oder unbewusst den realistischen Blick
auf die Gesamtkosten. Allein die Tatsache, dass in zahlreichen Unternehmen
die Stromkosten unter „Allgemeines“ verbucht werden, kann hier schon
zu einer verzerrten Entscheidungsgrundlage führen. Oder aber es werden
die Personalkosten ausgeblendet mit der Begründung, dass der Mitarbeiter
ja „ohnehin schon mal da sei“, und eine Auslagerung der Anwendung
ja „zusätzliche“ Kosten verursachen würde.
Die nachfolgende Gegenüberstellung zentraler Entscheidungskriterien will die grundsätzliche Entscheidung zwischen Eigenbetrieb und Outsourcing erleichtern.
| Eigenbetrieb | Co-Location / Managed Hosting |
| Betreiber hat noch keine entsprechende Internetanbindung angemietet | Redundante Internetanbindung mit ausreichender Bandbreite bereits vorhanden |
| Betreiber hat kein Rechenzentrum, oder keine Kapazitäten im eigenen Rechenzentrum | Ausreichend Platz und Strom im eigenen Rechenzentrum vorhanden |
| Betreiber verfügt nicht über redundante Klima- und USV-Anlage | Eigenes Rechenzentrum verfügt über redundante Klima- und USV-Anlage |
| Betreiber hat keinen ausreichenden Feuerschutz | Betreiber verfügt über Feuerschutz |
| Betreiber besitzt noch keine geeignete Server-Hardware | Geeignete Server-Hardware ist bereits vorhanden |
| Kein bzw. kaum eigenes, technisches Personal für den Betrieb vorhanden bzw. verfügbar | Ausreichend eigenes technischen Personal für Implementierung und Support (24/7-Rufbereitschaft) vorhanden |
| Betreiber verfügt nicht über eigenes Know-how für den Betrieb eines Rechenzentrums | Betreiber hat eigenes Know-how für den Rechenzentrumsbetrieb |
Der Eigenbetrieb von Internetapplikationen ist nur noch interessant
für Großunternehmen und Konzerne, die ohnehin schon eigene Rechenzentren
und eigenes Personal unterhalten. Co-Location ist zumindest für mittelständische
und kleinere Unternehmen eine Alternative, die sich selbst intensiv um ihre
Anwendung kümmern möchten und entsprechende Downtimes einplanen können –
auch in Form von Vor-Ort-Umbauten. Für Co-Location sollten sich jedoch nur
Unternehmen entscheiden, die bereit sind, auf bestmögliche Verfügbarkeit
zugunsten niedrigerer Kosten zu verzichten. Wer unternehmenskritische
Internetanwendungen betreibt, die möglichst nahezu 100% verfügbar sein müssen,
der sollte sich für Managed Hosting entscheiden. Bei Managed Hosting
garantiert der Dienstleister das Funktionieren der gesamten Infrastruktur
einschließlich Betriebssystem –und das zu Preisen, die wesentlich
unter den eigenen Kosten für vergleichbare Leistungen liegen. Das
spart bares Geld, und der Betreiber kann sich auf seine eigentliche
Kernkompetenz fokussieren.
Für den Unternehmenserfolg relevantes Wissen im eigenen Betrieb vorzuhalten,
ist Teil jeder vernünftigen Firmenstrategie –und doch baut kaum eine
Firma ihre Telefone selbst. Wir haben gelernt, uns zu spezialisieren
und uns im Markt mit unseren Produkten und Dienstleistungen zu
differenzieren. Rechenzentrumsbetrieb und Systemmangement hat sich
mit dem Vordringen des Internets in unseren Berufsalltag von der
individuellen Dienstleistung zum Standardprodukt entwickelt. Entsprechend
gibt es für die allermeisten Unternehmen keine „strategischen Gründe“ mehr,
ihre Server im eigenen Gebäude zu betreiben. Hinzu kommt: Die zahlreichen
Anbieter mit ihren unterschiedlichen Angeboten sind Beleg für einen
funktionierenden Markt, der die Käufer davor schützt, sich mit der
Entscheidung zur Auslagerung dauerhaft zu überhöhten Preisen in die
Abhängigkeit eines einzelnen Anbieters zu begeben.
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